BOGENSCHIESSEN traditionell

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Tiller - Ursache und Wirkung

Was Mann/Frau über den Tiller wissen sollte

Bogen mit ILF-System können in ihrem Auszugverhalten über die Verstellung der WA-Spannschrauben an die Bedürfnisse des jeweiligen Schützen/in angepasst werden (Tillern).

Bei traditionellen einteiligen Bogen wird dieses Verhältnis vom Bogenbauer festgelegt. Nur bei Bogen mit angeschraubten Wurfarmen - den sogen.TD (Take Down) - wäre das im Bedarfsfall mit Einschränkung ebenfalls möglich.

Was letztendlich das Tillern einbringt, wird in diesem Bericht untersucht und beschrieben. Dazu wird ein kleiner Blick in die physikalischen Zusammenhänge gegeben.


Warum das so ist, mit dem Tiller

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Bild 1.) Tiller messen (oberen)

 

Der Begriff Tiller stammt eigentlich aus der Bootstechnik. Damit wird eine Pinne bezeichnet, die als Verlängerung - eine Art Ausleger - für die Ruderstange fungiert. Dem Steuermann ist es damit möglich, das Boot, trotz Abdriftfaktoren wie Wind und Strömung, leichter auf Kurs zu halten. Ähnliches soll - im übertragenen Sinne - beim Sportbogen mit dem Tiller erreicht werden.

Bedingt durch verschiedene Faktoren (z.B. Design des Bogens, Druckpunkt der Bogenhand in der Griffmulde, Zughandgriff an der Sehne, herstellungsbedingte Abweichungen bei der WA-Produktion) wird der Bogen beim Auszug nicht immer symmetrisch belastet. Um diese Einflüsse abzumildern, werden der untere und der obere WA unterschiedlich vorgespannt. Das Maß für diese Vorspannung ist der Abstand der oberen bzw. unteren Wurfarmunterseite, gemessen am Ende des Mittelteiles - bei einteiligen Bogen am Fade-Out - senkrecht zur Sehne. Die Differenz wird als Tiller definiert.

Beispiel: Abstand oben (174 mm) - Abstand unten (170 mm) => Tiller= + 4 mm

Bei einem traditionellen Jagdrecurve (auch Langbogen) ist dieses Verhältnis konstruktiv festgelegt. Es kann nachträglich (außer beim TD) nicht (ohne Folgen für die Haltbarkeit des Bogens) verändert werden. Anders bei einem Metall-Mittelteil mit Internationalem Limb Fitting System (ILFS). Der obere Tillerabstand sollte größer sein, als der untere. Um wie viel aber und warum ?


Welcher Tiller ist richtig

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Bild 2.) Kraft- und Symmetrieverhältn. an einem symmetrischen Recurve

Hierüber kursieren in Literatur, Printmedien und Internet diverse Werte herum. Alles scheint durchprobiert worden zu sein, von Minuswerten (oberer Tiller kleiner als der untere) bis zu maximal 12 mm im Plusbereich.

Bei Auszugslängen über 28 Zoll sollte er etwas größer, bei kürzerem Auszug etwas geringer eingestellt werden. Standardwerte liegen zwischen 4 und 8 mm.

Ein kurzer Blick in die Tillerstube hilft hoffentlich in dieser Frage weiter:

Bei einem symmetrisch gebauten Bogen (z.B. FITA-Recurve) können beide WA nur gleichmäßig belastet werden, wenn die eingeleitete Kraft "F" (Finger der Zughand) sich auch gleichmäßig auf beide WA-Spitzen übertragen läßt. Das kann aber nur funktionieren, wenn die Kraftmitte in der Bogenmitte verläuft.






differenz bogen- kraftmitte

Bild 3.) 5 cm Differenz von Bogen- und Kraftmitte

 

Aus anwendungstechnischen Gründen (wer schießt sich schon gerne mitten durch die Hand) liegt die Kraftmitte aber bis zu fünf cm über der Bogensymmetrieachse. Beim Ziehen des Bogens mit Nockberührung, Mediterran oder Zwei- bzw. Dreifinger-Untergriff, wird der Hebelarm zum Angriffspunkt der Sehne am oberen WA-Tip länger, und der zum unteren hin kürzer.

Beispiel: Für einen 66" langen Bogen hat die Sehne eine Länge von 62". Bei einer Differenz beider Achsen von 2" (50,4 mm), wird die Länge des unteren Sehnenstranges 62/2 - 2 = 29" und die des oberen 62/2 + 2 = 33" betragen. Die Differenz beträgt also das Doppelte der Achsverschiebung. Das Maß wird bei jedem Bogen-User-System etwas anders ausfallen. Bogendesign, Breite der Finger, Griffart, spielen aber bei dieser Betrachtung weiter keine Rolle.






Energieverteilung der WA

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Bild 4.) Unsymmetrische Belastung der WA - gleichstarke Wurfarme

 

In dem Energiesystem des Bogens bewirkt die Verschiebung der Hebellängen für die Krafteinleitung zweierlei. Erstens wird die auf die WA übertragene Energie (Verformungsarbeit des WA) durch den kürzeren Hebelarm (Kraft oben x Hebelarm oben = Kraft unten x Hebelarm unten) im oberen WA etwas größer sein, als im unteren. Dieses ungleiche Kräfteverhältnis würde aber beim Lösen der Sehne die Schubkraft auf den Pfeil ungleichmäßig (rück-)übertragen. Der Pfeil würde daraufhin mit einem unruhigen Flugverhalten reagieren.

Auf diesem Bild ist die unterschiedliche Belastung von zwei gleich starken WA bei extrem unterschiedlichem Krafteinleitpunkt (Sehnenaufteilung 1/3 zu 2/3) deutlich zu erkennen.

Der obere (rechte) WA wird durch die (Zug)-Kraft des Schützen wesentlich weiter aufgezogen, als der untere. Sind beide WA gleich stark, wird das in ihn übertragene Energiepotential somit auch größer sein, als das des unteren WA.

Zur Kompensation dieses Ungleichgewichtes muss aus dem oberen WA etwas die Vorspannung zurückgenommen werden - er wird "weicher" eingestellt. Damit kann er nicht mehr so viel Energie speichern, wie vorher.


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Bild 5.) Unsymmetrische Belastung der WA bei
unterschiedlich starken Wurfarmen

 

Dasselbe Ergebnis in der Energiebilanz würde bei unterschiedlich starken WA allein schon beim Aufspannen der Sehne sichtbar. Der obere WA (rechts) hat 20, der untere (links) 26 lbs.







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Bild 6.) Tillerschraube für die Wurfarmausrichtung

 

Normalerweise wird ein Ausgleich durch Abtragen von Material an den beiden Seiten und/oder der Unterseite des WA-s gemacht. Bei einem Bogen mit ILFS aber geschieht dies einfach durch Rausdrehen der Spannschraube. Der obere WA-Tip wird durch den stärkeren unteren WA etwas weiter in den Bogen gezogen. Nach zu messen ist das an dem größer gewordenen oberen Tillerabstand.










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Bild 7.) Der Nockpunkt wandert aus der Mitte

 

Und zweitens wird durch die ungleichmäßigen Wege der WA-Tips der untere WA den Nockpunkt in einem Bogen zu sich herunterziehen, zwar nur wenig, aber immerhin. Natürlich wird der Pfeil nach dem Lösen auf seinem Weg zurück aus dem Bogen dieser Kurve folgen müssen. Mit einer solchen "Starthilfe" kann niemals ein geradliniger Pfeilflug heraus kommen. Selbst bei in Bogengrundstellung richtig eingestelltem Nockpunkt wird der Pfeil reiten, sogen. Porpoising. (bewegen wie ein Tümmler, engl. = porpoise)









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Bild 8.) Der Angriffspunkt liegt unter der Kraftachse des Pfeils

 

Wird nicht mit zwei Fingern - einer über, einer unter der Nocke - gezogen, kommt noch hinzu, daß bei zwei bzw. drei Finger unter der Nocke bzw. mediterranem Abgriff der Krafteinleitpunkt auf der Sehne beim Auszug tiefer liegt. Diesmal wird die gespeicherte Energie des unteren WA etwas zunehmen. Der Sehnendruckpunkt beim Lösen auf die Pfeilnocke wird hingegen höher liegen.

(Beim Compound z.B. l?sst sich das vermeiden, in dem ein D-Loop um den Nockpunkt gelegt wird)

Diese Diskrepanz muss also auch noch ausgeglichen werden, u.zw. durch eine Erhöhung des Nockpunktes. Übliche Werte liegen zwischen 6 und 12 mm. Muss allerdings der obere Wert über 15 mm angehoben werden, um einen ruhigen und geraden Pfeilflug hin zu bekommen, sollte mal ein Blick auf den Tiller gerichtet werden (oder sogar auf den Schießstil des Users).











Tiller-Vorgaben

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Bild 9.) Keile unter dem WA eines Jagdbogens TD

 

Bei einem FITA-Recurve läßt sich der Tiller nach Vorschrift des Bogenherstellers (wenn er denn angegeben wird) problemlos einstellen. Hoyt z.B. nennt einen Wert von ?" bis 1/8". Meist aber obliegt es der Erfahrung des Schützen selbst, oder er muß ermittelt werden. Hierauf möchte ich jedoch an dieser Stelle nicht näher eingehen.

Problematisch wird es dagegen - falls erforderlich - bei einem traditionellen Bogen. Hier sind die entsprechenden Werte durch den Bogenbauer eingestellt worden. In der Regel wird dieses Maß für den jeweiligen Schützen ausreichen. Besondere Anforderungen müssen vor einer Bestellung mit dem Bogenbauer abgeklärt werden. Bei einem TD könnten dagegen leichte Änderungen durch Unterlegen flacher Keile vorgenommen werden.






Resumee

Insgesamt bleibt festzustellen, dass die richtige Einstellung des Tillers nur individuell für den jeweiligen User ausgetestet werden kann.

Der Aufwand ist ähnlich hoch, wie bei der Ermittlung der Standhöhe. Das Durchfahren von 2mm-Differenzen im positiven Bereich von 0 bis 8mm bedingt allein schon wieder fünf Messreihen. Die besten Ergebnisse habe ich (rein subjektiv) bei einem Tiller von + 5 mm herausgefunden. Dieser Wert ist natürlich wieder nur auf mein Equipment und meinen Schießstil zu beziehen und nicht unbesehen auf andere Bogen-Pfeile-User-Syteme übertragbar. Beim Durchfahren der Standhöhen musste die Nockhöhe teilweise um +/- 1 mm nachjustiert werden.

Alles in allem ist wieder "Arbeit" angesagt, will man/frau einen gut abgestimmten Bogen in die Hand nehmen. Aber der Aufwand lohnt sich allemal. Nicht um sonst sind diese Verstellmöglichkeiten an den modernen Bogen angebracht worden. Wer seinen Bogen allerdings nur zum Spaß schießt, wird sich darüber kaum den Kopf zerbrechen. Und so sei es denn, Tiller hin, oder Tiller her.


aktualisiert: 14.04.2012 / 06.08.2012

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Abstract

Tiller - Ursache und Wirkung

Der Tiller ist die Differenz des Abstandes in [mm] zwischen dem oberen und dem unteren Wurfarm. Er wird gemessen senkrecht zur Sehne. Meßpunkte sind die Enden des Mittelteils oder das Ende des Fadeout. Was aber bewirkt der Tiller und wie und was und so weiter? In diesem Artikel wird das gekl?rt.


Folgendes finden Sie hier:

Dat: 06.11.2011/ 18.01.2014

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